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Mit Licht geschossen | 42. Bildpräsentation

Historische Originalaufnahmen, eingefangen in Chemnitz, an der West- und Ostfront, großformatig plakatiert.

Eine Fotografie – einen Monat lang – an unterschiedlichen öffentlichen Plätzen von Chemnitz, über die gesamte historische Spiegelungsdauer 2014-2018.

 

„Verloren im Krieg“

Gab es, als die Welt im Januar 1918 in das fünfte Kriegsjahr eintrat, Hoffnung auf ein baldiges Ende des Blutvergießens? Wohl eher nicht, denn obwohl im Deutschen Reich und in Österreich die Massen zu Millionenstreiks auf die Straße gingen, und nun auch eine Entlastung der Lage der Mittelmächte an der Ostfront durch den Waffenstillstand mit Sowjetrussland eingetreten war, hatte sich für die kriegführenden Parteien an den anderen Fronten die Situation keinesfalls zum Besseren gewendet. Im Gegenteil, die deutsche Heeresleitung, die ihre Truppen im Westen jetzt mit den freigewordenen Kontingenten der ehemaligen Ostfront aufstocken konnte und somit erstmalig seit langem die zahlenmäßige Überlegenheit gegenüber den Armeen der Entente erreichte, versuchte mit der sogenannten Michael-Offensive das „Gesetz des Handelns wieder an sich zu reißen“. Damit sollten vor dem erwarteten Eintritt der USA in den Krieg an der Westfront bis März neue Tatsachen geschaffen und die Briten in einer gigantischen Umfassungsschlacht wieder über den Kanal zurückgedrängt werden. Die deutsche Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorf zeigte sich jedoch dieser Herausforderung nicht gewachsen, vermochte sie die zeitweiligen Geländegewinne bei St. Quentin an der Somme nicht in eine entscheidende strategische Kampagne zu überführen. Um doch noch eine Wende herbeizuführen, ließ die OHL im Rahmen der Vorbereitungen auf die Michael-Offensive durch General Hermann Geyer völlig neue Grundsätze deutscher Infanterietaktik erarbeiten, die im Januar 1918 als Handbuch „Der Angriff im Stellungskrieg“ erschien: Besonderes Augenmerk wurde dabei nicht mehr auf den massebasierten großangelegten Infanterieangriff, sondern auf den Einsatz kleiner, mobil und eigenverantwortlich handelnder, hocheffizienter und speziell für den individuellen Kampf im gegnerischen Graben gerüsteter Einheiten, sogenannter „Stoßtruppen“ gelegt. Ein solcher Stoßtrupp wurde hier im Bild festgehalten: Einsam, nur schemenhaft an den 1916 eingeführten markanten deutschen Stahlhelmen zu erkennen, steht ein kleiner Trupp Soldaten inmitten einer völlig zerstörten Ortschaft. Die Last der Zerstörung, der Ruinen verstärkt den Eindruck menschlicher Verlorenheit inmitten des alles beherrschenden Chaos des Krieges. Das Bild lässt in Darstellung und Wirkung an historische Sujets der Kunstgeschichte denken, wie etwa Caspar David Friedrichs „Chasseur im Walde“ oder an die Landsknechtsdarstellungen eines Urs Graf oder Jost Amman – die Werke dieser Künstler haben mit dem unbekannten Fotografen dieser Aufnahme eines gemeinsam: Sie thematisieren Geworfenheit und Ausgeliefertsein des Einzelnen, die scheinbare Unbedeutentheit menschlicher Existenz gegenüber einer als schicksalhaft empfundenen, alles übersteigenden Bedrohung im Krieg.


 


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